Zum 125. Geburtstag von Marina Zwetajewa

Am 8. Oktober 1892 wurde Marina Zwetajewa geboren, eine russische Dichterin und Schriftstellerin . Sie gehört zu den bedeutendsten russischen Dichtern im 20. Jahrhundert.

Marina Zwetajewa
Marina Zwetajewa

Marina verbrachte eine intensive, behütete und romantische Kindheit. Als Teenager war sie mit ihrer Familie die meiste Zeit auf Reisen quer durch Europa, am meisten in Deutschland und in der Schweiz – auf der Suche nach einer Kur für die Schwindsucht erkrankte Mutter, die deutsch-polnischer Herkunft war und hat Marina ihre Liebe zu deutscher Sprache beigebracht.

„In mir sind viele Seelen, doch meine Hauptseele ist die Deutsche“, – schrieb Marina in einem ihrer Tagebücher.

Die Mutter hat sehr früh ihre dichterische Begabung gemerkt, mit 4 Jahren hat sie schon Gedichte gereimt. 1910 erschien ihr erster Gedichtband „Abend-Album“ (Вечерний альбом), der sie schlagartig berühmt machte. Im darauffolgenden Jahr traf sie Sergej Efron auf der Krim (in Koktebel, beim Dichter und Maler Maximilian Woloschin).

1917 wurde Efron zur Weißen Armee eingezogen und Marina Zwetajewa sah ihn über 5 Jahre nicht mehr. Im Jahr 1918 starb ihre jüngste Tochter an Hungernot. Sie und ihre älteste Tochter Ariadna (genannt Alja) überlebten die Revolution kaum, 1922 trafen sie Efron im Exil in Prag. Dort und später in Paris publizierte sie viele ihrer größten Werke. 1939, kaum bekannt in ihrer Heimat, von ihrem Ehemann entfremdet und von der Exilgemeinschaft geächtet, überzeugte Efron, der als Sowjetagent entlarvt wurde, sie, dennoch nach Moskau zurückzukehren.

Efron und Ariadna wurden wegen Spionage inhaftiert. Es stellte sich heraus, dass Ariadnas Verlobter in Wirklichkeit ein Agent des NKWD war, der die Familie ausspioniert hatte. Efron wurde 1941 erschossen, Ariadna verbrachte 8 Jahre im Gulag.

1941 wurden Zwetajewa und ihr Sohn nach Jelabuga (Tatarstan) evakuiert. Sie hatten keinerlei Mittel zum Unterhalt. Am 31. August 1941 erhängte sich Marina Zwetajewa.

Marina war eine sehnliche Frau. Obwohl sie Efron heiratete, drei Kinder mit ihm hatte und ihm ihr ganzes Leben widmete, unterhielt sie leidenschaftliche Beziehungen mit vielen Liebhabern, so u.a. mit Ossip Mandelstam und Sofia Parnok. In Prag hatte Marina Zwetajewa eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit Konstantin Bojeslaw Rosdewitsch, einem ehemaligen Offizier. Die Affäre wurde in den Emigrantenkreisen allgemein bekannt. Die Trennung inspirierte Zwetajewa zu ihrem großen Werk „Poem vom Ende“. Neujahrsbrief (Поэма Конца), das vielleicht das brillanteste und tragischste russische Gedicht des 20. Jahrhunderts ist. Die Beziehung zu Rosdewitsch verarbeitete sie auch im „Poem vom Berg“ (Поэма Горы, 1924–1939). Etwa um die gleiche Zeit begann Marina Zwetajewas weit bedeutendere, geistige Beziehung zu Boris Pasternak, der in der Sowjetunion geblieben war. Die beiden begegneten sich nur selten und jeweils sehr kurz, unterhielten jedoch eine enge Freundschaft, bis die Dichterin nach Russland zurückkehrte. 1926 gab es wunderbares Schriftwechsel zwischen ihr und Rainer Maria Rilke, was ihn im letzten Jahr seines Lebens unterstützt und zugleich ziemlich durcheinander gebracht hatte…

Es gibt nicht viele Gedichte, die ins Deutsche übersetzt sind.
Hier sind einige, die ich für Sie zusammengestellt habe.

***
Meine Schritte klingen hell vom Eise.
Mit dem Silberprinzen auf der Reise
Bin ich. Alles Schnee sonst, Tod und Traum.
Silberpfeile starren von den Zweigen.
Früher war mir doch ein Leib zu eigen
Und ein Name – oder war es Rauch?
Eine Stimme hatt‘ ich, stark und innig…
Und man sagt, dies Kind, ein Hermelin mit
Klaren, blauen Augen – es sei meins.
Keiner, den ich je getroffen habe,
Merkte aber, dass ich längst im Grabe
Meinen langen Traum zu Ende sah.

***
Offen die Adern: Es schießt mein Leben
Unstillbar heraus – für immer fort.
Schnell, stellt Schüsseln drunter und Terrinen!
Aber keine wird mir richtig dienen –

Flach sind alle.
Übern Rand – daneben
Sickert’s weg ins Erdreich, nährt das Schilf.
Keiner stillt es, verbluten, mein Leben,
Verbluten, ach, sollst du ins Gedicht!

Verse an die Tochter

Fällst du hin, dann komm alleine,
Wie ein Junge auf die Beine!
Soll mein Wunschtraum sich erfüllen,
Darf dich Mitleid nie einhüllen.
Gute Dienste, lehr ich, leisten
Deinen Lippen glüh’nde Eisen.
Junge Füße härten keine
Teppiche, doch Nägel ab.
Gut sind Abgründe im Dunkeln.
Irr umher! Kein Stern darf funkeln.
Mutterstolz, du Erstgeborne,
Ließe dich ja ungeschoren,
Hättest du, mir unverloren,
Nie das Licht der Welt erblickt!

***
Zwei Seelen sind wir, selig im Verband.
Wir sind zwei Flügel: wärmend angeschmiegt.
Der eine rechts, der andre links anliegt.
Doch kaum zieht, ach, ein Wirbelwind herauf,
Klafft zwischen rechts und links ein Abgrund auf.

Aus dem Russischen: Gert Hans Wengel

***
Für meine Verse, die, so früh geschriben,
Daß ich nicht wußte, ich sei gar Poet,
Entsprungen sind, wie Brunnenspritzer stieben,
Raketen Funken drehn,

Erklungen sind; wie kleine Teufel schlugen
Sich in des Tempels Traum und Weihrauch sie,
Für meine Verse, Klang von Tod und Jugend, –
Und niemand las sie je -,

Die in der Läden Staub verloren scheien
(wo niemand sie gekauft hat, niemand kauft),
Für meine Verse wie für alte Weine
Kommt noch die Zeit herauf.

Aus dem Russischen: Elke Erb

An Deutschland

Germanien, alle Völker hassen
Dich jetzt und hetzen gegen dich.
Ich aber will dich nie verlassen.
Verraten gar – wie könnte ich?

Nie war dies meine Überzeugung,
Dies: Aug um Auge, Zahn um Zahn,
Germanien, meine tiefste Neigung!
Germanien, ach, mein edler Wahn!

Ich halte nicht zu deinen Schergen,
Mein arg gehetztes Vaterland,
Wo immer noch der Königsberger
Spaziert: der schmalgesicht’ge Kant,

Und Goethe wandelt durch Alleen
Sein Städtchen ist kaum mehr bekannt –
Er sinnt, lässt seine Faust entstehen,
Hält den Spazierstock in der Hand.

Wie könnte ich mich von dir wenden,
Gernmanien, mein lichter Stern,
Denn meine Liebe nicht verschwenden,
Halb Lieben hab ich nicht gelernt!

Erfüllt von deinen ew’gen Liedern
Hab ich für Sporenklirrn kein Ohr.
Mein Heil’ger sticht den Drachen nieder
In Freiburg an dem Schwabenthor.

Nie werde ich vor Hass erbeben,
Weil Wilhelms Schnurrbart aufwärts zackt.
Verliebt in dich, solang ich lebe,
Schwör ich dir ew’gen Treuepakt.

Nein, weiser, magischer und tiefer
Ist keins, du reich beschenktes Land,
Wo Loreley von hohem Schiefer
Die Schiffer schlägt in ihren Bann.

Aus dem Russischen: Gert Hans Wengel

***
Im Spiegel suche ich, der blind,
der in den Schlaf mich wiegt,
nach Wegen, die vor Ihnen sind,
und wo Ihr Hafen liegt.

Im Nebel – eines Schiffes Mast,
verschleiert liegt die See,
ein Zug, der durch den Daemmer rast,
die Ferne voller Weh.

Der Abendtau faellt aufs Feld,
im Himmel – Kraehen…
Gott sei mit Ihnen in der Welt,
wohin Sie auch gehen…

***
Nur Asche an der Feuerstelle,
Abschiede sind mein Tagelohn,
herangerollt von einer Welle,
trug es die andere davon.

Dass ich gleich dem gemeinen Weibe
dem Liebsten kroeche hinterher,
die nicht aus dem Mutterleibe
kam, aus dem tiefsten Meer!

So koste, teuerster, als waere s
Ein runder Apfel, diese Welt,
Doch hoerst du den Gesang des Meeres,
Spuerst du, wie mein Gesang dir fehlt.

Dass ich gleich einem Erdenweibe
Zum Himmel riefe: „Kann nicht mehr“,
die nicht aus dem Mutterleibe
kam, aus dem tiefsten Meer!

Denn eine Meerfrau wird nicht flehen,
noch rufen, noch erwarten bang,
nein, aufs Neue will ich gehen
ganz ohne Netze auf Fang.

Was ich mit Sangesmacht antreibe –
das wusste ich nicht mal bisher,
ich, die nicht aus dem Mutterleibe
kam, aus dem tiefsten Meer.

Und irgendwann ins Wellengrau
tief blickend, lehnend ueber Rand,
wirst sagen: „Eine Meerfrau
war sie, im Meere sie verschwand.“

Aus dem Russischen: Natalia Putilina

 

Bibliographie und Bildnachweis:
Der Sender „Stimme Russlands“
Das Kulturmagazin „Perlentaucher“
Wikipedia.org

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